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Der Deutsche ist traditionell ein Technologiemuffel. 51% der mobilen Nutzer besitzen hierzulande laut comScore ein Smartphone. Was sich jedoch zunächst beeindruckend anhört, bedeutet in Wirklichkeit unter den EU5-Staaten (Spanien, Großbritannien, Italien, Frankreich und Deutschland) den letzten Platz. Vielleicht gilt gerade deshalb der lokale Markt als besonders attraktiv: Im Dezember 2012 waren immerhin 77% der neu gekauften mobilen Endgeräte Smartphones – kein anderer EU5-Staat hat einen derartigen Wachstum zu verzeichnen.

2007 führte Apple das iPhone ein, das den Durchbruch für Smartphones bedeutete. Anfangs nicht nur von Microsoft belächelt, gibt es mittlerweile hunderttausende Apps und diverse neue Märkte. Dass die Geräte nicht nur einen kurzen Trend darstellen, sondern vielmehr das Verhalten der Menschen revolutionieren, ist unstrittig: Smartphones werden selbstverständlich als Navigationssysteme verwendet, zum Lesen von Büchern und Nachrichten, zum Shoppen, zum Preisvergleich, als medizinischer Erst-Helfer bei der Frage, ob sich der Arzt-Besuch lohnen wird, als Übersetzer, „Babysitter“, Taschenlampe oder eben Portemonnaie.

Das Smartphone als Portemonnaie?

Zugegeben, die Nutzung als Portemonnaie hält sich noch in Grenzen. Um das Vertrauen der potentiellen Nutzer für bargeldlose Zahlungen via Smartphone zu erlangen muss eine geräteübergreifende und zugleich sichere Transaktion gewährleistet werden. Gleichzeitig darf der Nutzer nicht durch eine komplizierte Benutzung entmutig und/oder verunsichert werden und die Transaktionsdauer darf nicht länger sein als die momentan gegenwärtigen (Bargeld, EC-Karte etc.).

Ein Lösungsansatz zur mobilen Bezahlung ist die NFC-Technologie (Near Field Communication), die bereits 2002 in ersten Entwürfen veröffentlicht wurde. Durch sie wird anhand verschiedener Standards auf kurze Distanz ein (relativ) sicherer Datenaustausch gewährleistet. Es muss jedoch dahingehend unterschieden werden, dass NFC mittlerweile sowohl als Überbegriff für Kurzdistanzkommunikation gilt, als auch eine Technologie auf Chip-Basis darstellt. NFC-Chips (auch „Tags“ genannt) sind relativ klein und lassen sich sowohl in Chipkarten, als auch in Smartphones integrieren.

Entscheidend dafür, dass die Chip-Technologie sich im Smartphone-Bereich nicht standardisiert durchsetzen wird, dürfte erneut der ehemals wertvollste Konzern der Welt aus Cupertino sein: Bereits 2007 hätte Apple die Möglichkeit gehabt, das NFC-Chip-Verfahren direkt zu unterstützen, tut es jedoch bis heute nicht – im Gegensatz zu Samsung, die seit 2011 Smartphone-Weltmarktführer sind und die Tags standardmäßig verbauen. Zwar sinkt Apples Anteil am Smartphone-Gesamtmarkt stetig, da jedoch iOS-Nutzer generell als offener gegenüber neuen Technologien gelten und zudem zahlungskräftiger sein sollen, bleibt eine riesige Zielgruppe unerschlossen.

Infografik: iOS: weniger Marktanteil, mehr Umsatz

Die Lösung, dass einige Bezahlanbieter (zumeist Startups) mit dem Vertrieb von sogenannten NFC-Dongles (kleine Adapter, die sich an das iPhone, bzw. iPad stöpseln lassen und somit die fehlende Hardware nachrüsten) begannen um dennoch die Verwendung der Technologie vorantreiben zu können, kann meiner Meinung nach nur als Verzweiflungsakt gewertet werden. Wenn ständig ein Dongle neben dem Smartphone für Bezahlungen benötigt wird, dass vor Transaktionen angesteckt werden muss, dann kann auch direkt und viel bequemer auf klassische Weise bezahlt werden.

NFC-Chip-Alternativen

Was haben Yapital, PayPal, M-Pesa, Zoosh, Clinkle, Edeka und Netto gemeinsam? Sie alle bieten Bezahlmöglichkeiten ohne den Einsatz von Chip-basiertem NFC an.

Yapital ist eine Tochterfirma der Otto Group, die Bezahlungen via QR-Code ermöglicht und somit unter anderem bei REWE und Görtz im stationären Handel seit diesem Jahr zur bequemen Zahlung verwendet wird. M-Pesa ist ein Anfang 2007 in Kenia eingeführtes bargeldloses Bezahlverfahren, in dem Geldbeträge auf ein Konto eingezahlt werden können und Bezahlungen via SMS erfolgen. Heutzutage nutzen über 17 Millionen Menschen weltweit diesen Service. Edeka hat seinerseits eine eigene App entwickelt, über die in Berlin bereits per Barcode bezahlt werden kann. Die Liste könnte noch um weitere Firmen und diverse andere Ansätze erweitert werden, zwei Firmen sollen jedoch nicht unerwähnt bleiben: Zoosh und Clinkle.

Beide haben sie gemeinsam, dass sie Bezahlungen per Hochfrequenztönen ermöglichen. Die für das menschliche Ohr nicht hörbaren Töne könnten die oben genannte NFC-Chip-Technologie obsolet machen. In einer ersten Finanzierungsrunde konnte Clinkle stolze 25 Millionen USD einsammeln – ein Zeichen dafür, dass der Markt noch nicht zufriedenstellend erschlossen wurde und ein gewaltiges Potential nach oben bietet. Zu den Investoren gehörten unter anderem Intel, Index Ventures, Peter Thiel (einer der ersten Facebook-Investoren), Diane Greene (VMware-Gründerin), Marc Benioff (Salesforce-Gründer) und Andreessen Horowitz. Der Vorteil dieser Technologie liegt auf der Hand: Sie funktioniert geräteübergreifend ohne zusätzliche Hardware. Des Weiteren hängt sie nicht vom Netzempfang ab (M-Pesa) oder benötigt die Darstellung von QR-Codes (Yapital, PayPal). Noch in diesem Jahr sollen Anwendungen für iOS- und Android-Geräte erscheinen, die die Bezahlung revolutionieren könnte.

Die Entwicklung des Marktes

Mittlerweile hat Apple realisiert, dass auch sie im Mobile-Payment-Bereich Stellung beziehen müssen, wenn sie nicht den Anschluss an die Konkurrenz verlieren möchten und meldeten ihrerseits ein Patent zur mobilen Bezahlung an. Die Möglichkeit einen neuen Standard zu definieren haben sie bereits vor ein paar Jahren verschlafen. Dennoch dürfte der ihrerseits angekündigte Einsatz von BLE (Bluetooth Low Energy) einen vielversprechenden Ansatz darstellen – kaum ein heutzutage ausgeliefertes Smartphone kommt ohne diese Technologie aus, die ebenfalls auf Kurzdistanzkommunikation abzielt.

Ich sage bewusst, dass die mobile Zahlung revolutioniert werden könnte, denn ich persönlich gehe (gerade hier in Deutschland) nicht von einer Revolution aus. Gerade weil sich bisher kein Zahlungsanbieter durchsetzen konnte, kommen immer neue Wettbewerber mit immer neuen Ansätzen auf den Markt. Dieses ähnelt meiner Meinung nach eher einem schleichenden Prozess denn einer Revolution. Es wird für verschiedene Anwendungsfälle verschiedene Applikationen mit verschiedenen Technologien für die Übertrag der Daten geben. Paradebeispiele für die (meiner Meinung nach gewollte) Inkompatibilität zwischen den verschiedenen Plattform sind Apples iMessage, Google Talk, die von den Netzbetreibern angedachte Joyn-Plattform, sowie WhatsApp als Vermittler – alle wollen sie die Kommunikation zwischen Smartphone-Nutzern erleichtern, es endet allerdings in extra Aufwänden für den Endbenutzer.

Fakt ist jedoch, dass die Bezahlung per Smartphone gesellschaftstauglich geworden ist und 2014 im stationären Handel und im Bewusstsein der Nutzer ankommen wird. Gerade bei Kleinstbeträgen ist das Potential der schnellen Bezahlung enorm: Alleine zwischen April und Oktober 2013 stieg das Mobile Payment weltweit um 27 Prozent an – der größte Teil der Transaktionen fällt hierbei auf Europa zurück.

Vermarktungspotential im Mobile Payment

Mobile Payment bedeutet allerdings nicht zwangsläufig nur die Möglichkeit zur bequemen Bezahlung – sie kreiert einen komplett neuen Markt und steigert die Kundenbindung. Edeka und Netto machen es in diesem Fall vor: Es wird nicht nur an der Kasse mit der App bezahlt, vielmehr erhält der Kunde auch Informationen über Sonderangebote, Gutscheine (Stichwort Mobile Couponing), detaillierte Auflistungen seiner Einkäufe und ggf. erweiterte Informationen über die von ihm erworbenen Produkte.

Personalisierte, auf den Kunden zugeschnittene Apps sind nicht länger nur eine Ergänzung des eigenen Portfolios, sondern vielmehr eine der größten verfügbaren Chancen zur Optimierung des Marketings und Steigerung des Umsatzes.

Dieser Eintrag ist die ausführliche Version des auf New Communication veröffentlichten Beitrags.


Update: 09.06.2015

Zoosh ist nicht mehr online und Clinkle musste sich ebenfalls umorientieren.

Marco Raddatz

Marco Raddatz

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